Vom Mitglied der “jüdischen Olympiaauswahl” 1936 zum Auschwitzüberlebenden

100 Jahre Geschichte – Julius und der Sport

Am 27. Januar, dem internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, stand bei einer Veranstaltung von Stadt, Schule und Kirchen der Ehrenbürger Julius Bendorf im Mittelpunkt.Persönlich anwesend sein konnte er nicht, dennoch war Julius Bendorf, der gerade 100 Jahre alt geworden ist, allgegenwärtig am Dienstagabend im Prälat-Diehl-Haus in OberRamstadt.
Unter dem Titel „Hinsehen statt wegsehen – erinnern, handeln, begegnen” stellten Schüler der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule (GCLS) in ihren Beiträgen den jüdischen Ehrenbürger der Stadt Ober-Ramstadt in den Mittelpunkt des Gedenktages.

Zuvor hatte Bürgermeister Werner Schuchmann vor den rund 150 Gästen zunächst das hohe Gut der Menschenrechte hervorgehoben und „Julius Bendorfs Botschaft an uns heute“ formuliert: Der Gedenktag mache nur wirklich Sinn, wenn man der Opfer gedenkt und gleichzeitig für ein „Nie wieder“ eintrete. Dies sei gerade jetzt in Europa gefährdet wie lange nicht, so Schuchmann. Er lobte die Willkommenskultur in OberRamstadt, wo 86 Nationalitäten zusammenleben.
Der Bürgermeister dankte vor allem den Schülern der GCLS, die „auf besondere Art und Weise für ein Bewahren der Erinnerungskultur eintreten und der Gedenkveranstaltung eine besondere Würde verleihen“. Nicht zuletzt mit ihrem Einsatz für das Stolpersteinprojekt bauten sie eine Brücke von der dunklen Vergangenheit in eine helle, freundliche Zukunft, „die wir alle zu bewahren haben“, so Schuchmann.

Tot sind nur die die man vergisst.  Stadt Ober-Ramstadt, Schule und Kirchen gedenken der Opfer und Überlebenden

Beiträge von Schülern,  Erinnerungen an den Auschwitzüberlebenden Julius Bendorf sind derzeit im Schaufenster der Bücherei „Bücherblitz“ in OberRamstadt zu sehen. Fotos und Texte zum Leben des Ehrenbürgers, der vor wenigen Tagen seinen 100. Geburtstag feierte, rollen parallel zum Schicksal des früheren jüdischen Mitbürgers ein Jahrhundert deutscher Geschichte auf: von dessen Kindheit an der Modau und seinen sportlichen Erfolgen über die beginnende Ausgrenzung und den Aufenthalt im Konzentrationslager Auschwitz/Monowitz bis zum Über- und Weiterleben in Amerika.

Schüler des Geschichtskurses von Archivpädagoge Harald Höflein aus der Jahrgangsstufe zwölf zeigten einen Film über das Leben des Auschwitzüberlebenden Julius Bendorf und berichteten über ihn als jüdischen Sportler, der 1936 von der Teilnahme an den Olympischen Spielen in Berlin ausgeschlossen wurde. Dies ist
auch Gegenstand einer Ausstellung, die zurzeit in der Buchhandlung „Bücherblitz“ zu sehen ist. Wenn heute etwa Flüchtlinge in Dresden aus Angst nicht mehr zum Fußballtraining gingen, sollte man darüber nicht hinwegsehen, appellierten die Schülerinnen Hanna Bartonek, Nina Schmidt und Alexandra Schneider.

Schüler der GCLS gestalteten die Gedenkveranstaltung auch musikalisch: Lili Partheil spielte Cello, Binzi Hu und Elli Bauer trugen Klezmerstücke mit Klavier und Saxofon vor, ein Chor sang das jiddische Volkslied „Yerushalayim“. Das Schulbandmitglied Selina Gaydoul beeindruckte mit dem Lied „Read all about it“ von Emeli Sandé, begleitet von Kati Motz am Klavier und Tim Eichelbaum am Cajon. Die Schüler Ismael Durbak und Maxi Röhl mahnten: “Der Antisemitismus war und bleibt ein Problem unserer Gesellschaft”, das belegen auch Studien. Rafael Riege, Kilian Simon, Marius Tolksdorf und Djordje Ignatovic erinnerten auch daran, Gruppen wie Roma, Sinti und Homosexuelle beim Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus nicht zu vergessen: “Auch in unserem Ort  wurden Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt.”

An den Wert der Stolperstein Aktion, die viele intensive Beziehungen hervorgebracht habe, erinnerten Philip Karolewiez und Tolga Kala: „Tot sind, die man vergisst.“ Cedric Nowak erhielt viel Applaus für seine engagierte Rede gegen Alltagsrassismus und für das Erinnern als Grundlage einer funktionierenden Demokratie in Deutschland. Ein starkes Zeichen waren am Schluss auch die Worte von Vertretern verschiedener Konfessionen und Kulturen in Ober-Ramstadt,  die biblische oder ethische Sätze wie „Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem anderen zu“ an die Gäste richteten. Gemeinsam zogen die Teilnehmer anschließend noch zum Ort der ehemaligen Synagoge an der Sparkasse.

Ausschnitt aus Bericht des DE vom 29.01.2015