Thekla und Joseph Wartensleben – jüdische Traditionen und ländliches Leben

Eine ländliche Familie in Ober-Ramstadt, 7 Kinder und zwei Ehefrauen

“Jeder von uns sollte sein Leben bis zum letzten Tag genießen können. Wem steht daher das Recht zu, anderen Menschen dieses abzusprechen?”

Patriotische Erinnerungen in jüdischen Wohnstuben: Deutsche Soldaten jüdischen Glaubens beim Feldgottesdienst im Krieg 1870/71

Patriotische Erinnerungen in jüdischen Wohnstuben: Deutsche Soldaten jüdischen Glaubens beim Feldgottesdienst im Krieg 1870/71

Joseph Wartensleben kommt am 13. Februar 1864 als drittes von sieben Kindern zur Welt  Es ist eine ländliche Welt, in der die Kinder hineingeboren werden, aber, Ober-Ramstadt wandelt sich langsam von Bauern-  und Mühlenbesitzerdorf zur Industrieansiedlung. Adelheid und Meyer Wartensleben haben 7 Kinder: Wolf, Lisette, Joseph, David, Rosa, Aron und Emanuel. Josefs Brüder Wolf und Emanuel sterben schon im Alter von nur einem Jahr.  Aron und David ergreifen als junge Männer kaufmännische Berufe. Aron entwickelt sich zu einem sehr aktiven Geschäftsmann. Er eröffnet verschiedene Geschäfte und kleine Fabriken – unter anderem auch eine Kamm-  und Zelluloidwarenfabrik. Das Kammmacherhandwerk hatte Tradition in Ober-Ramstadt. 1928 gründet er noch eine Polster- und Möbelfabrik dazu.

Jüdisches Leben im 19. Jahrhundert: Verbesserte Berufschancen und Kriegserfahrung

Damals ahnen die Eltern Meyer und Adelheid Wartensleben noch nicht, welches Schicksal ihren Kindern einmal  widerfahren wird. Im Gegenteil, im Kaiserreich machte man sich große Hoffnungen endlich gleichgestellt und akzeptiert zu werden. Es schien ja auch aufwärts zu gehen, die Berufschancen wurden immer besser und gesellschaftlich schien man mehr und mehr akzeptiert. 1870 ziehen viele junge Männer jüdischen Glaubens genauso wie alle anderen in den deutsch-französischen Krieg und später auch in den Ersten Weltkrieg. Sie waren ganz

Deutsche, so wie alle anderen, was sonst?

Joseph als Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Ober-Ramstadt

1888, im berühmten Dreikaiserjahr, heiratet Joseph, im  Alter von 24 Jahren, die junge Hedwig Wolf aus Trösingen. Die Familie hat 6 Kinder. Selma, Elsa, Emma, Wilhelm, Meta und Erna. Sie wohnen in der Grafenstraße 3, in der Nähe der evangelischen Kirche.  Elsa und Erna, zwei ihrer Kinder, verlieren sie schon im ersten Lebensjahr. Keine Seltenheit in der Zeit. Die medizinischen Bedingungen erlauben noch keine bessere Versorgung. Joseph beachtet die religiösen Regeln und ist für viele ein Vorbild in der jüdischen Gemeinde, denn neben seiner Arbeit ist er Vorstand der jüdischen Gemeinde. Als er 21 Jahre alt ist wird in Ober-Ramstadt eine neue Synagoge gebaut – endlich. Die evangelische Kirche unterstützt die kleine jüdische Gemeinde von circa  80 Mitgliedern damals mit 150 Mark. Joseph wird sich gefreut haben. Die Verbindungen zur evangelischen Kirche im Ort sind im  Allgemeinen recht gut, auch wenn es  manchmal auch andere Stimmen im Ort gibt.

In Zeitungsanzeigen sucht er für seine kleine Gemeinde einen Vorbeter und einen Lehrer, der auch Schochet und Cantor sein kann. Die Gemeinde braucht einen Vorsänger und auch Schlachter, der sich mit den religiösen Geboten auskennt. Es scheint nicht so leicht gewesen zu sein jemanden zu bekommen – viel konnte die Gemeinde wohl auch nicht zahlen. 1904 stirbt seine erste Frau Hedwig im Alter von nur 36 Jahren, ein Schicksal von vielen Frauen auf dem Land zu dieser Zeit.

Vom ersten Weltkrieg bis Hitler

Drei Jahre später, heiratet Josef wieder. Josef, jetzt 43 Jahre alt, heiratet die 31jährige Thekla Sondheimer, aus Beerfelden.  Am 07. Dezember 1910 ist die Geburt ihres ersten und einzigen Kindes, Helene Wartensleben. Das hilft ihnen darüber hinwegzukommen, dass ein Jahr zuvor, am 7.09.1909 ihr erstes Kind nur tot geboren wurde. Nachdem Hitler 1933 an die Macht kommt, greifen auch für ihn und seine Familie alle ausgrenzenden Gesetzte und Maßnahmen. Es wird nun immer schwieriger  wirtschaftlich zu bestehen. Boykott und die sogenannte Arisierung der Wirtschaft führen dazu, dass 1938 sein Pferde- und Viehhandel endgültig vom NS-Viehwirtschaftsamt geschlossen wird.

Im April 1942 werden Thekla und Joseph aus ihrem Haus in der Grafengasse 3 geworfen und in ein sogenanntes „Judenhaus“ in der Baustraße 88 eingewiesen, wo sie mit vielen anderen Ober-Ramstädter Juden auf engstem Raum auf ihre Deportation warteten. Ihr letzter Besitz, ihr Haus  wird enteignet.

So ähnlich muss es in Ober-Ramstadt auch ausgesehen haben: Seltene Bilder aus Wiesbaden von 1942. Menschen werden zur Deportation zusammengetrieben: man erkennt klar die Pappschilder, die die Menschen malen mussten mit ihren Deportationsnummern und persönlichen Daten.

So ähnlich muss es in Ober-Ramstadt auch ausgesehen haben: Seltene Bilder aus Wiesbaden von 1942. Menschen werden zur Deportation zusammengetrieben: man erkennt klar die Pappschilder, die die Menschen malen mussten mit ihren Deportationsnummern und persönlichen Daten.

Am 28. September 1942 erfolgt die Deportation von Joseph und Thekla Wartensleben von Darmstadt nach Theresienstadt, wo Joseph am 01. August 1943 aufgrund der dortigen schlechten Bedingungen stirbt. In der Todesurkunde steht  „Arterienverkalkung und Herzmuskelentartung“ als sei es ein ganz natürlicher Tod. Thekla überlebt ihren Mann Josef und wird später weiter nach Auschwitz deportiert um dort am 16. Mai 1944 in den Gaskammern ermordet zu werden.

Thekla und Joseph sind Opfer einer  unmenschlichen Ideologie geworden. Wir hoffen, dass ihr Schicksal mit diesem Stolpersteinen nicht in Vergessenheit geraten wird. Ihre Tochter Helene hat wahrscheinlich den Holocaust überlebt, denn sie ist in keiner Opferliste zu finden.

“Ein Mensch ist erst gestorben, wenn keiner mehr an ihn denkt”

Johanna Schuhmann und Ariane Novelli

 

Was ist aus den Kindern von Hedwig und Joseph geworden?  

Selma geboren am 07. April 1890, heiratet den Soldaten Moritz Diewald aus Münstermaifeld im Krieg 1917 und zieht zu ihm. Deportiert ab Dortmund 1942, Ziel: Auschwitz, Vernichtungslager (tot im KZ)

Elsa(geb. 1888) stirbt im  Mai 1890, ein Jahr und sechs Monate nach der Geburt.

Josef Wartensleben stirbt in Theresienstadt

Josef Wartensleben stirbt in Theresienstadt

Emma geb. 1892 heiratet Ernst Jakob Dreyfuß aus Lahr (35) im Jahre 1920, geboren am 06. Mai 1892 in Ober–Ramstadt, wohnhaft in Lahr, Deportationsziel: ab Baden-Pfalz–Saarland: 22. Oktober 1940, Gurs, Internierungslager Drancy Sammellager, 10. August 1942 nach  Auschwitz, Vernichtungslager, für tot erklärt.

Wilhelm 1895, heiratet Adrienne Tibodo 1921 in Düsseldorf, er ist Direktor bei der Firma Stokvis und
zieht 1930 schon nach Holland, dort ist er als römisch katholisch registriert, 1942 flüchtet er in die Schweiz. (Archiv Amsterdam), wo er bis 1950 lebt. Später wandert er in die USA aus.  In New York ändert er seinen Namen in William Wartens, mit seinem Sohn Henry Wartens stehen wir seit 2014 in Briefkontakt.

Meta, Martha,  geb. am 8. Februar 1898 in Ober-Ramstadt, heiratet 1922 Moritz Lehrberger (34) aus Wetter bei Marburg, wohnhaft in Frankfurt. Am 20 Oktober 1941 wird sie mit ihrem Mann aus Frankfurt deportiert: Ziel: Ghetto Litzmannstadt (Lodz).  (vermisst und für tot erklärt)

Erna 1899 verstorben
nach Geburt

Die Kinder von Thekla und Joseph Wartensleben

Helene, geb. 7.10.1910. überlebte den Holocaust, sie konnte 1937 aus Deutschland fliehen und heiratete in der USA Walter Leopold. Sie lebten in Dayton Ohio.

Neue Informationen und  Dokumente zum Leben von Helene, Emma und Wilhelm stammen von Karen Elson, deren Großmutter Emma Wartenleben, die Schwester von Helene  war.  Karen Elson und ihr Mann Jeff aus Columbus Ohio haben die Schüler im Mai 2015 besucht und werden weiter mit uns in Kontakt bleiben.

Ariane Novelli, Johanna Schuhmann, Selin Ilhan (bearbeitet und aktualisiert Mai 2015)