Willi Bendorf – Wenn eine junge Liebe zu “Rassenschande” wird.

Willi und Bertha, Rettung durch Flucht in die USA.

Willi ist der zweite Sohn von Käthe und Simon. Er wird am 13.05.1906 geboren. Er und sein älterer Bruder Marcus wachsen auf dem Bauernhof ihrer Eltern auf, in der Hohlgasse 4, ein guter Platz zum spielen. Sein Vater ist ein liebenswerter, aber strenger Mann.

1914 erlebt er, wie die jungen Männer Ober-Ramstadts in den ersten Weltkrieg ziehen – darunter auch viele Mitbürger jüdischen Glaubens. Sein großer Bruder Marcus und viele andere Verwandte ziehen auch in den Krieg. „An Weihnachten sind wir wieder zurück“,  glauben die meisten Soldaten, aber es wird der schrecklichste Krieg, den die Welt bis dahin gesehen hat.

Auf den Bildern die wir haben scheint er ein lebensfroher, geselliger Mensch gewesen zu sein, er erlernt das Gewerbe des Kaufmanns und eröffnet Anfang 1930 ein Kolonialwarengeschäft in Ober-Ramstadt.

 

Staatspresseamt vom 16. April 1934.

Meldung des Staatspresseamts vom 16. April 1934: Die Meldung zeigt, dass es schon spontane Übergriffe des sogeannten "gesunden Volksempfindens" gegeben hat. Noch vor den berüchtigten Rassegesetzen.

1933 wird seine Beziehung zu Katharina Kehr für ihn fast zum Verhängnis: Am 11.  April 1934,  noch lange vor den „Nürnberger Gesetzen“, den sogenannten Blutschutzgesetzen, wurde er von den Nazis auf offener Straße verhaftet und in die sogenannte „Schutzhaft“ gesteckt.
-  Der Vorwurf: „Rassenschande“! Seine Freundin wird ebenfalls öffentlich gedemütigt, da sie,  so die Zeitung:”… dem Juden keinen Widerstand entgegengebracht hat und ihre Pflichtvergessenheit gegenüber ihrer Rasse zum Ausdruck gebracht hat“. Die Meldung schafft es sogar in einige überregionale Zeitungen , darunter auch in die liberale  jüdische Wochenzeitung “Neue Welt” in Wien. Sie sind wohl toll geworden…”,  kommentiert der Schreiber das rassistische Verhalten der Nazis  zynisch.

Aus einer normalen Jugendliebe wird ein Rassendelikt, ein Straftatbestand. Wir können nicht mehr rekonstruieren, was dann genau passiert ist und was in den Köpfen der beiden jungen Menschen vorgegangen ist. Wer in der bis 1933 scheinbar funktionierenden Dorfgemeinschaft hat sie wohl veraten? In den Odenwälder Nachrichten der Zeit steht komischerweise nichts zu diesem Fall. Offiziell strafbar ist bis dahin das Verhalten noch nicht … Allerdings ist damit allen klar, dass Beziehungen und Kontakte zu Juden durch die Nazis, die SA im Ort und Denunzianten nicht geduldet werden –  ein Schock für das bis dahin doch so scheinbar harmonische Gemeindeleben. Auch ein Schock für Willi und Katharina.

Ein Jahr später, am 02.05.1935, heiratet Willi Bendorf. Er heiratet seine Cousine Bertha Bendorf und am 01.12.1935 kommt die emeinsame Tochter Ellen zur Welt. Am 8.05.1937 schafft Willi noch mit seiner Frau die Flucht in die USA wo seine zweite Tochter Doris geboren wird.

1935 heiratet Willi seine Cousine Bertha, die Tochter von Wolf Benjamin Bendorf. Noch 1935 kommt seine erste Tochter Ellen zur Welt. Ihre Schwester Doris kommt 1938 in Oklahoma zur Welt, wo die Familie lebt.

Ellen Bendorf, 1935 geboren, als kleines Kind im Hinterhof
Ellen Bendorf, 1935 geboren, als kleines Kind im Hof der Hohlgasse 4  in Ober-Ramstadt

Auch sein Bruder Marcus und dessen Sohn Harry schaffen noch die Flucht nach der Reichskristallnacht (1938).

Sie müssen in der USA ganz von vorne anfangen und sich ein neues Leben aufbauen.  Früh, schon 1961, stirbt Willi. Seine Frau Bertha lebt noch bis 1985 in Oklahoma. Die Fotos, die wir haben aus dieser Zeit  zeugen von scheinbarem Familienglück mit seinen mittlerweile zwei Kindern. Von einer Rückkehr nach Ober-Ramstadt ist uns nichts bekannt.

 

 

Christopher Daniels