Simon und Käthe Bendorf

Bauer, Viehhändler und Vereinsmitglied – eine ländliche Familie jüdischen Glaubens

Ein Familienfoto im Hinterhof 1929
Käthe Bendorf, 1929 (unten rechts)
Simon Bendorf, geboren in Ober-Ramstadt 1863, und seine Frau Käthe hatten eine kleine Landwirtschaft mit einigen kleinen Äckern in der Umgebung von Ober-Ramstadt.  Simon, der eigentlich Samuel hieß aber von allen Simon genannt wurde,  war als Vieh- und später dann als Pferdehändler tätig.  1904 eröffnete er auch eine kleine  Metzgerei  in der Hohlgasse 4. Er war ein angesehener Bürger der Stadt und in mehreren Vereinen Mitglied, darunter auch im TV 1877 Ober-Ramstadt. Er hatte im kaiserlichen Militär gedient und war sehr stolz darauf. (Interview mit Harry Bendorf, Enkel von Simon und Käthe)

Käthe war seine zweite Frau. Seine erste Frau Emilie Goldschmidt starb schon 1909. Von ihren drei Kindern überlebten  nur Willi und Marcus, ihr Sohn Arthur starb schon im ersten Lebensjahr. Simons Sohn Marcus zog 1914 gemeinsam mit über 900 anderen Ober-Ramstädter  wehrpflichtigen Männer in den ersten Weltkrieg.

Harry Bendorf, der seine Großeltern früher regelmäßig im Sommer besuchte,  schildert  das typische Leben einer Familie im ländlichen Umfeld. Neben dem Misthaufen und dem Geruch von frisch gekochter „Latwerge“ erinnert er sich an ausgedehnte Spaziergänge mit seinem Opa und dem großen Schäferhund. Harry Bendorf, Sohn von Marcus Bendorf,  lebte damals schon in Berlin. Simon ist oft mit ihm spazieren gegangen und hat ihm Geschichten über seinen Vater und Onkel  erzählt. Sicher war Simon stolz auf seine Söhne, die es zu etwas gebracht hatten.  Harry erinnerte sich außerdem daran, dass er es immer sehr schön fand in einen kleinen Dorf zu sein in dem jeder  jeden kannte. Von Antisemitismus war nichts zu spüren, ganz im Gegenteil.

"Samuel", genannt Simon und Käthe Bendorfs Haus in der Hohlgasse 4. Im Hof war ein Misthaufen und  "es roch nach Latwerge", so erinnert sich Harry Bendorf an seine Zeit in Ober-Ramstadt Mitte der 30er Jahre.

Heute steht das rote Backsteinhaus nicht mehr. "Samuel", genannt Simon und Käthe Bendorfs Haus in der Hohlgasse 4. Im Hof war ein Misthaufen und "es roch nach Latwerge", so erinnert sich Harry Bendorf an seine Zeit in Ober-Ramstadt Mitte der 30er Jahre.

Harry konnte sich auch noch genau daran erinnern als Truppen durch Ober-Ramstadt marschierten, fragte ein Quartiermeister Simon,  ob er ein paar Soldaten bei ihm in der Scheune nächtigen lassen würde. Simon lehnte höflich ab – bot allerdings an, ihre Pferde zu versorgen. Das schien das Problem zu lösen. Simon war seine militärische Tradition wichtig. Trotz der guten Nachbarschaft in einem kleinen, eher landwirtschaftlich geprägten Ort wie Ober-Ramstadt verändert sich auch hier nach 1933 das Leben  immer schneller.

Nachbarschaftshilfe und Denunziantentum

Simons Freundschaft zu seinen Nachbarn wird auch durch ein Dokument der Gestapo belegt. Ein Denunziant beobachtet den dauernden Kontakt eines Nachbarn und Bauern mit jüdischen Bürgern und besonders mit Simon. Der Bauer hilft Simon sein Feld zu bestellen und Kartoffeln zu setzten – und das noch nach der  “Reichskristallnacht”!  Die NSDAP Ortsgruppe und die Gestapo wird informiert. Der Bauer gerät daraufhin kurzzeitig in Haft. Verschärfend kommt dazu, dass gleichzeitig eine Führerrede im Radio lief, während er mit Simon auf dem Acker war.

Harry Bendorf, sein Enkel konnte nach der Reichskristallnacht 1938 in einer  fast abenteuerlichen Flucht noch in die USA fliehen. Simon und Käthe hatten nicht solches Glück. Sie wurden 1942 nach Theresienstadt deportiert. Simon starb dort schon einen Monat später. Käthe wurde noch von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert, wo sie am 23.01 1943 ermordet wurde. Ihre Söhne Willi und Marcus konnten in die USA fliehen.

„Warum schaust du weg Bub, ich hab dir doch nichts getan“

Das soll Katharina Bendorf bei ihrer Deportation 1942 zu einem damals jungen Ober-Ramstädter gesagt haben, der dies nicht vergessen konnte.

Nachtrag:
Ein Teil der Informationen bezieht sich auf Erinnerungen und ein Interview mit Harry Bendorf . Er schlug in der USA eine militärische Karriere ein und stieg bis zum Brigadegeneral auf. Mr. Bendorf steht heute mit den Schüler der GCLS in Verbindung.
Paul Koenen Rindfrey