Heinrich Wartensleben. Am helllichten Tage.

Heinrich Wartensleben in der Arztpraxis seines Bruders in Berlin. Das Bild muss ungefähr 1933 gemacht worden sein.

Ober-Ramstadt im Jahr 1942. Ein Tag im Krieg.

Am helllichten Tage. Heinrich Wartensleben wurde am 20.März 1942 von Darmstadt aus nach Polen deportiert und im Raum Lublin/ Piaski der sogenannten Endlösung zugeführt. Am hellichten Tag mussten im März 1942 Heinrich und viele andere Ober-Ramstädter ihre Häuser und allen Besitz zurücklassen. Sie mussten einen Koffer packen, sich ein Papschild umhängen mit Namen, Geburtsdatum und Deportationsnummer sowie 50 Reichsmark für die Bahnfahrt. Auf einem Pritschenwagen wurden sie nach Darmstadt in die Justus Liebig Schule transportiert. Hier wurden ihnen durch Beamte die letzten mitgenommenen Wertgegenstände weggenommen, dafür brauchte man mehrere Tage. Nach einem durch die Gestapo begleiteten Marsch durch die Stadt ging es dann zum Bahnhof, auch für Heinrich.

Orte der Vernichtung

Trawniki, Majdanek, Sobibor, Belcec, Orte in Osteuropa, weit weg. Ganz genau kann es heute nicht mehr ermittelt werden,  in welchem der zahlreichen Lager er dort ermordet wurde.  Allerdings liegen uns zahlreiche Berichte von den grauenhaften Verhältnissen dort  vor. Der sogenannte Gerstein Bericht schildert aus der Sicht eines SS-Kontrolleurs die Zustände in dem Lagersystem im Osten Polens.

Heinrich Wartensleben und die Volksbank

Heinrich Wartensleben ist nur einer von vielen aus Deutschland und ganz Europa, ein Bürger aus Ober-Ramstadt. Heinrich, geboren am 21.04.1883 und Berthold waren die Söhne von Isaak und seiner Frau Fanny Wartensleben. Isaak Wartensleben war ein wohlhabender Kaufmann, der auch Mitgründer der Volksbank wurde. Während Heinrich, wie sein Vater, ein erfolgreicher Kaufmann wurde, studierte sein Bruder Berthold an der Universität in München Medizin und promovierte. Laut den Odenwälder Neuesten Nachrichten vom 14.Dezember 1911 wird der „erfahrene Kaufmann Heinrich Wartensleben“ sogar als „Vorsitzender der Sanierungskomission im Modauer Genossenschaftsbank Skandal“ erwähnt. Er soll helfen, die angeschlagene Bank zu retten. Seine Kenntnisse und seine Erfahrung wurden gebraucht, er war ein angesehener Bürger. Trotz schier unüberwindliche Krise, die Bank überlebte diese schwierige Phase. Die Volksbank gibt es heute noch.

Heinrich Wartensleben mit der Frau seines Bruders Marie Luise Wartensleben und ihrer Schwester.

Heinrich Wartensleben wahrscheinlich mit der Frau seines Bruders Marie Luise Wartensleben und ihrer Schwester.

“Es wird schon nicht so schlimm kommen”

Heinrich lebte bei seinen Eltern in der Grabengasse 3. Er bleibt ledig. Sein Bruder Berthold hingegen lebte mit seiner evangelischen Frau in Berlin, wo er eine Praxis besaß. Nach der Machtergreifung 1933 scheint Berthold schon rechtzeitig die Bedrohungen der Zeit erkannt zu haben. Auf einem Bild aus dem Nachlass von Berthold Wartensleben sehen wir Heinrich in der Arztpraxis seines Bruders sitzen.  Wahrscheinlich ist es eines der letzten Treffen. Zwischen den ärztlichen Gerätschaften sitzt Heinrich am Schreibtisch und wirkt sehr nachdenklich. Kurz darauf flüchtet Berthold mit seiner Frau nach Amerika. Aber die Flucht gestaltet sich sehr schwierig, sie dürfen so einfach nicht in die USA einreisen, es gibt ein Quotensystem. Berthold und seine Frau flüchten so um die halbe Welt, bis sie endlich, 1939 in der USA ankommen. Berthold hatte seinen Bruder auch schon immer gewarnt, er sollte sich doch auch rechtzeitig retten. Heinrich dagegen war immer der Meinung, dass es schon nicht so schlimm kommen würde. Aber die Maßnahmen und Sanktionen gegen die Juden wurden immer bedrohlicher.So wird Heinrich schon 1933 aus dem Gesang- und Turnverein ausgeschlossen. Die ganze Gesellschaft soll “arisiert” werden.

Ausgehverbot für Juden 1940. Alle erwachsnene Ober-Ramstädter Juden müssen unterschreiben. Heinrich hat an Punkt drei unterschrieben

1940, absurde Schikanen gegen Juden: ein Ausgehverbot. Heinrich hat an Punkt drei unterschrieben

Verbote und Einschränkungen machen es Juden immer schwerer ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Es wird immer mehr Druck ausgeübt ihre Geschäfte zu schließen und ihr Eigentum erheblich unter dem normalen Wert zu verkaufen. Auch auf Heinrich wird Druck  ausgeübt, das beweisen Dokumente – aber, Heinrich und Berthold hatten bereits ihr Haus auf die nichtjüdische Schwester von Bertholds Frau überschrieben.  Die Enteignung ihres Hauses war nun nicht mehr so einfach.

"Bildchen aus glücklichen Tagen", schreibt Berthold Wartensleben wohl später auf die Rückseite. Eine Reise in die Alpen mit frau und Kindern. Kurz danach muss er vor den Nazis fliehen.

"Bildchen aus glücklichen Tagen", schreibt Berthold Wartensleben wohl später auf die Rückseite. Eine Reise in die Alpen mit Frau und Kindern. Kurz danach muss er vor den Nazis fliehen. (beide Bilder sind Leihgaben von Gisela Straßburger-Grüber)

Was bleibt von Heinrich Wartensleben? Ein paar Bilder, ein paar Briefe und sein Name auf einigen Dokumenten aus dem Stadtarchiv. Auf einem Dokument von 1940 finden wir noch seine  persönliche Unterschrift unter einem Ausgehverbot für alle erwachsenen Juden Ober-Ramstadts.

Selin Illhan