Trudy Isenberg, eine Jugend im Holocaust

Bürgermeister Werner Schuchmann eröffnet die Gedenkveranstaltung

Erinnern, Handeln, Begegnen, der Auschwitzgedenktag 2012

Ober-Ramstädter Schüler stellen Kontakt her zur Holocaustüberlebenden Trudy Isenberg

Gertrud Bendorf war 17, als in ihrer Heimatstadt Ober-Ramstadt die Synagoge brannte und Nazis Jagd auf Menschen machten. Die Ereignisse des 9. 10. und 11. November 1938, der sogenannten “Reichskristallnacht”, zwingen ihre Eltern zu einer schweren Entscheidung: Juli und Moses Bendorf geben ihr letztes Geld um ihre Tochter alleine nach Amerika in Sicherheit zu bringen: Es wird ein Abschied für immer. Ihre Eltern sterben im Holocaust.

Mit einer bewegenden Veranstaltung am Holocaust-Gedenktag erinnerte Ober-Ramstadt im voll besetzten Prälat-Diehl-Haus an die Opfer des
Nationalsozialismus. Oberstufenschüler der Lichtenberg Schule stellten die als Gertrud Theresa Bendorf 1920 in Ober-Ramstadt geborene und heute in Baltimore lebende Trudy Isenberg in den Mittelpunkt der Gedenkstunde. „Durch Zufall konnten wir Schüler ihre Adresse in Amerika ausfindig machen und Kontakt zu ihr aufnehmen“, berichteten Lena Lautz und Katja Zander. Trudy schilderte ihre Kindheit als sehr glücklich. Sie besuchte den evangelischen Kindergarten und spielte den Weihnachtsengel im Krippenspiel. Erst 1933 begann die Ausgrenzung. Das Niederbrennen der Synagoge erlebte sie 1938 noch in ihrer Geburtsstadt. Mit dem letzten Geld schickten die Eltern die Tochter dann im Januar 1939 in die USA, es reichte nur für sie. Die Eltern überlebten den Holocaust nicht. Die Schüler haben aus den Dokumenten und Interviewmitschnitten einen Film über Trudys Leben gemacht, in dem diese unter Tränen auf Englisch den Abschied von ihrer Familie schildert, aber sie schildert auch die Freundschaft zu drei Ober-Ramstädter Mädchen, die während der schlimmen Jahre zu ihr hielten und mit denen sie nach 1945 wieder Briefe wechselte.

Xenia Fitz wendet sich gegen die Barbarei des Duldens von Ausgrenzung
Gegen die Barbarei des Duldens von Ausgrenzung – Xenia Fitz

“Das Barbarische versteckt sich im Dulden”

„Diese Freundschaft zeigt uns, dass eine scheinbare Kluft durch Verständnis und Anteilnahme geschlossen werden kann“, sagte Xenia Fitz,
eine weitere Schülerin, und schlug einen Bogen zu der gerade aufgedeckten Mordserie einer neonazistischen Untergrundgruppe: „Erst spät ist mir klar geworden, wie erniedrigend und menschenverachtend der Begriff ,Dönermorde‘ ist.“  Über die Jahre habe wohl eine Verschiebung der Wahrnehmung stattgefunden, „die unsere Gesellschaft blind gemacht hat“. Über 181 Tote durch rechtsradikale Gewalt seit 1990 und jährlich mehr als 1000 rechte Gewalttaten in Deutschland wurden in der Mehrheitsgesellschaft nicht wahrgenommen. Der Begriff „Dönermorde“ grenzt uns von dem Geschehen ab und lässt uns im Gefühl, dass es uns nicht betrifft.  „Das Barbarische versteckt sich im Dulden“,  mahnt Xenia Fitz.

Was das Erinnern bringe, fragte der Schüler  ldar Numanovic. Seine Antwort: Von zentraler Bedeutung sei nicht die Tatsache, die Geschichte des Nationalsozialismus aus Büchern zu lernen. „Es muss auf reflektierende Art sowohl mit den Quellen als auch mit Zeitzeugen umgegangen werden.“ Dies geschehe durch den Kontakt zu Trudy Isenberg. Vor allem aber die Begegnungen mit Julius Bendorf hätten dazu beigetragen: „Plötzlich begann sich jeder für ihn zu interessieren und die Geschichte wurde greifbar.“ Zu dem heute in Los Angeles lebenden Auschwitzüberlebenden, einem Vetter von Trudy Isenberg, hatten Schüler mit ihrem Lehrer Harald Höflein schon vor einiger Zeit die Verbindung hergestellt. Der inzwischen 97 Jahre alte Julius Bendorf besuchte Ober-Ramstadt seitdem mehrmals, zuletzt im vergangenen Jahr, als ihm das Ehrenbürgerrecht überreicht wurde.

Klezmer und eine eigene Interpretation von “Mad World”

Musikalisch umrahmt wurde die Holocaust-Gedenkstunde durch Klezmermusik von Vanessa Spoerl an der Klarinette und Stefan Ziezling und Anton Pelzer, die eine eigene Interpretation des Songs  ”Mad World vorstellten. Bürgermeister Werner Schuchmann lobte das Engagement der jungen Leute in seiner Ansprache: „Sie verleihen der Erinnerung ein Gesicht.“  Abschließend trug Eldar Numanovic einen Vers aus dem Koran zur Wertschätzung jedes einzelnen Menschen vor. Almut  Siodlaczek von der evangelischen Freikirche las einen Psalm Davids.  Pfarrerin Vera Langner bezog ihre Worte auf eine Bibelstelle aus dem Lukasevangelium, als Petrus Jesu dreimal verleugnete. Mit dem katholischen Diakon Gerd Wagner sprachen die Kirchenvertreterinnen eine Fürbitte. Mittels Skype wurde die gesamte Veranstaltung direkt zu Trudy Isenberg und ihrer Familie nach Baltimore übertragen.

Begegnung: Käthe Ackermann im Gespräch mit ihrer Freundin Trudy aus alten Tagen

Begegnung via Skype: Käthe Ackermann im Gespräch mit ihrer Freundin Trudy