“Religion hat doch zwischen uns Kindern keine Rolle gespielt”

Eine Grußbotschaft aus der USA an die Schüler und die Stadt zum Auschwitzgedenktag

Gemeinsam mit der Stadt Ober-Ramstadt und der evangelischen und katholischen Kirchengemeinde gestalteten Schüler der Georg-Christoph- Lichtenberg-Gesamtschule wieder den diesjährigen Auschwitzgedenktag der Stadt Ober-Ramstadt. Vor ungefähr 100 Gästen präsentierte die Projektgruppe der LGS die Ergebnisse ihrer regionalgeschichtlichen Forschungen und ihre Gedanken zum Gedenktag.

Bürgermeisters Werner Schuchmann erinnert zur Einleitung an unsere Verfassung und die Bedeutung des Artikels 1 und des Artikels 4 der Verfassung: Die Menschenwürde ist unantastbar und die Gewährleistung der religiösen Toleranz ist Pflicht der Bürger und des Staates.

Per Video lässt Julius Bendorf, der 1915 geborene Auschwitzüberlebende, der Stadt eine persönliche Grußbotschaft zukommen. Er bedankte sich bei den Bürgern und besonders bei den Schüler für ihr Engagement gegen das Vergessen. Auf Englisch teilt er ihnen mit, dass es ihn besonders freut, dass sich die Schüler in diesem Jahr mit dem Problem der religiösen Ausgrenzung beschäftigen.

Carmen Kehr stellte die Ergebnisse ihrer Besonderen Lernleistung für das Abitur vor. In einer Bildpräsentation wurden Alltagsszenen aus den 20ern und 30ern rund um die Kirche und den dörflichen Alltag lebendig. Konfirmandengruppen und ihre Pfarrer wurden vorgestellt. Im Weiteren ging es darum, welche Rolle die ev. Kirche in Ober-Ramstadt in der NS Zeit gespielt hat. Wie hat sie zum Unrechtsstaat gestanden? Gab es Widerstand, Zivilcourage oder gar Protest gegen unmenschliche Politik? Leider zeigt sich, dass bei allen drei betroffenen Ober-Ramstädter Pfarrern der evangelische Glaube mit der NS Ideologie verschmolz. Zur Ausgrenzung, Entrechtung, Verhaftungen sowie letztlich auch zur Reichspogromnacht und zur Deportation wurde geschwiegen. Nur der damalige Modauer Pfarrer Dr. Hans Kunze wurde aufgrund der Mitgliedschaft zur Bekennenden Kirche 1933 zunächst zeitweise von seinem Amt enthoben und 1936 schließlich zwangsversetzt. Kunze muss sich wohl zur Wehr gesetzt und dem NS Regime entgegengestellt haben.

Erfahrungen als Ausstellungsführerinnen für Jugendliche

Jessica Mühlberg und Jacqueline Dorn berichteten über ihre Erfahrungen als Ausstellungsführerinnen in der Anne-Frank-Ausstellung in Darmstadt. Über 6 Wochen führten die Schülerinnen Schulklassen und Erwachsene durch eine Ausstellung, die zeigen wollte, was das Leben von Anne Frank uns heute noch sagen kann. Als kluges, beobachtendes Kind formuliert Anne Frank in ihrem Versteck genau wie Vorurteile funktionieren: „Was ein Christ tut ist immer seine persönliche Schuld, was ein Jude tut fällt immer auf alle Juden zurück.”

Auschwitz und heute

Eldar Numanovic nahm sich ein Zitat von Golo Mann zum Anlass, um über die Aktualität von Geschichte am Beispiel seiner eigenen Familienbiografie nachzudenken. Bewegt berichtete er über die Ermordung seiner Großmutter und die sogenannten ethnischen  Säuberungen des jugoslawischen Bürgerkriegs. Alles nicht weit weg, sondern nah dran. „Die Geschichte klopft an unsere Tür“, sagt Eldar Numanovic. Aus Nachbarn und Freunden wurden Feinde gemacht. Menschen wurden mit Gewalt gezwungen sich für die eine oder die andere Volksgruppe zu entscheiden.  In Srebrenica und anderswo war die bloße Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe ein Todesurteil. Das Publikum reagiert berührt und einfühlsam auf diesen sehr persönlichen Zugang. Hinsehen statt wegsehen bedeutet auch sich gegen Ausgrenzung und Unmenschlichkeit in unsere Gesellschaft zu wehren. Auch bei uns führen manchmal Vorurteile, Intoleranz und unüberlegtes Stammtischgerede zu Ausgrenzung. Das persönliche Beispiel zeigt, dass im schlimmsten Falle dieser Weg nach Srebrenica oder sogar nach Auschwitz führen kann.

Ein gemeinsames interreligiöses Zeichen

Auch in der Rede von Diakon Wagner wird das Gleichnis von Kain und Abel, der Konflikt der Brüder ins Zentrum der Überlegung gestellt. Am Ende kommt es noch zu einem sehr positiven Zeichen der religiösen Gemeinsamkeit: Pfarrer Ernst Werner Knöß betet das jüdische Totengebet, den Kaddisch für die Opfer der NS Herrschaft, gemeinsam mit Eldar Numanovic, der im Anschluss ein islamisches Totengebet spricht: erst auf deutsch, dann auf arabisch. Erst sind es fremde Klänge für die Zuhörer aber mit der deutschen Übersetzung, stellt man fest, dass die Worte und Gedanken den christlichen Gebeten sehr ähnlich sind.

Julius Bendorf schickt eine Grußbotschaft und redet über die Bedeutung der interreligiösen Toleranz.

Carmen Kehr spricht über die Rolle der evangelischen Kirche im Nationalsozialismus.