Julius und Manfred Bendorf

Die Familie Bendorf – eine typische Ober-Ramstädter Familie – Auschnitte aus Julius Bendorfs Lebensweg.
Julius Bendorf, geboren am 4 Januar 1915, war ein herausragender Sportler und Mitglied vieler Sportvereine in Ober-Ramstadt. Er spielt Fußball, turnt und betreibt Leichtathletik TV Ober-Ramstadt. Zahlreiche Bilder dokumentieren seinen Lebensweg.
Nach 1933 wurde er aus allen Vereinen ausgeschlossen. Noch bevor der NS Staat das gesetzlich regeln musste, „arisierte“ sich im Mai 1933 der TV Ober-Ramstadt in einem großen öffentlichen “Festakt” schon selbst. Das verletzte ihn und seinen Bruder tief, da man sich doch zuvor als akzeptiertes und integriertes Teil der Dorfgemeinschaft gefühlt hat. Von Ausgrenzung aufgrund von Religion oder Herkunft merkte der junge Julius bis zur Machtergreifung der Nazis nichts, wie er in seinen Erinnerungen erzählt.
Sport muss Julius und Manfred von nun an in dem jüdischen Sportverein „Schild Frankfurt“ treiben.

Julius und sein Bruder stammen aus einer sehr tief in Ober-Ramstadt verwurzelten deutschen Familie jüdischen Glaubens. Der Vater Joseph Bendorf, Metzger und Viehhändler hat mit seiner Frau Dina ein Anwesen in der Darmstädter Straße 22. Joseph Bendorf ist ein sehr aktiver Bürger, er ist im Gesangverein, im Karnevalverein und in der Metzgerinnung. Im ersten Weltkrieg bekommt Joseph Bendorf das Eiserne Kreuz verliehen für besondere Tapferkeit. Man versteht sich als deutsch, patriotisch und sympathisiert mit den Sozialdemokarten.

Julius Bendorf wurde gemeinsam mit seinem Bruder Manfred schon früh, im August 1938, nach Paderborn und später nach Bielefeld in Zwangsarbeitslager deportiert. Anfang 1943 wird er in einem Güterzug nach Auschwitz überführt. An der berüchtigten Rampe in Auschwitz erlebt er die „Selektion“. Im Gegensatz zu älteren Leuten und Kindern ist er „arbeitsfähig“ und wird zusammen mit seinem Bruder in das riesige Arbeitslager der IG Farben AG Auschwitz –Monowitz transportiert.

Verlust der Familie wird zur Gewissheit bei der Heimkehr
Sein Bruder verletzt sich bei der Arbeit und wird in Auschwitz ermordet. Julius Bendorf erhält erst nach dem Krieg Gewissheit über den Tod seines Bruders. Julius selbst wird am Ende des Krieges auf Todeszügen nach Dachau befördert. Er wird angeschossen von der SS, überlebt aber auch das auf wundersame Weise. Nach den Schüssen der SS in seinen Waggon wacht er in einem Bett auf mit einem amerikanischen Soldaten über ihm. Fast ein dreiviertel Jahr braucht er um wieder laufen zu können.
Als er dann nach dem Krieg nach Ober-Ramstadt zurück kommt, muss feststellen, dass alle Ober-Ramstädter Juden deportiert wurden, darunter auch seine Eltern Dina und Joseph Bendorf und seine Großmutter Henriette, genannt Jettchen Bendorf. Wenig später erhält er Gewissheit: seine Eltern und seine Großmutter wurden in Theresienstadt und bei Trawniki 1942 ermordet.
Sein Elternhaus findet er im Besitz von Fremden. Alle Besitztümer und Wertgegenstände aber – und das ist wesentlich schlimmer- auch alle seine Habseligkeiten und Erinnerungsstücke sind verschwunden. Bei Nachfragen im Ort herrscht eisige Stille. Er hat nur noch wenige Freunde in Ober-Ramstadt.

Julius Bendorf arbeitet für die Amerikanische Besatzungsmacht. In Frankfurt ist er in der ehemaligen Reichsbank damit beschäftigt eine Bestandsaufnahme des von den Nazis im Krieg erbeuteten Diebesguts zu machen: Gold, Geld und andere Wertgegenstände wurden hier durch die Nazis gehortet. Er besucht noch ein paar Mal Ober-Ramstadt – Nachbarn stecken ihm nach einiger Zeit ein paar alte Familienbilder zu und seine Leichtathletikschuhe, alles andere bleibt verschollen. Auch das Haus seiner Familie bekommt er vorerst nicht zurück. Erst durch einen langen Kampf mit dem Finanzamt und anderen Ämtern und einen Trick, bekomm er sein Haus zurück. Die Finanzbeamten sind noch die gleichen, die in der NS-Zeit für die Entrechtung und Beraubung gesorgt haben – die Briefe der Finanzbeamten sind zynisch.

Julius hält nichts mehr in diesem Deutschland. Wenig später 1948 wandert Julius Bendorf nach Amerika aus und beginnt ein neues Leben.
Der Neuanfang in Amerika ist für ihn anfänglich sehr schwer. Schwerstarbeit auf Bausstellen Hungerlohn und schlafen in Bretterverschlägen, der Körper immer noch gezeichnet und geschwächt vom KZ. So erzählt er Geschichten, wie er auf dem Weg zur Arbeit so schwach ist, dass er sich auf die Straße setzten muss.
Aber er setzt sich durch und arbeit sich hoch. Spät gründet er eine Familie und erlebt die Geburt seiner zwei Töchter Margo und Toni.
Erst 1980 kommt er wieder kurz Ober-Ramstadt und besucht kurz alte Freunde – ein Bild seines Jahrgangs vor der Kirche dokumentiert das Treffen.

Wiederbegegnung mit Ober-Ramstadt
Am 13 März 2010 wurden für Julius Bendorf und seine Familie Stolpersteine verlegt vor seinem ehemaligen Haus in der Darmstädter Straße 22. Er hat Ober-Ramstadt trotz aller Vorkommnisse nie vergessen und kommt- nach dem die Schüler der LGS wieder Kontakt zu ihm aufgenommen haben – im März 2010 zur Verlegung der Stolpersteine wieder in seine alte Stadt. Nach vielen Telefonaten und Briefen stand fest: Er wollte Ober-Ramstadt wieder sehen und anwesend sein bei der Verlegung. Auch seine gesamte Familie kommt mit. Für eine Woche wurden sie von den Ober-Ramstädtern aufgenommen. Viele Hundert Menschen verfolgten die Feierlichkeiten zur Verlegung und wollten auch ihn sehen und sprechen. Sein Credo ist: „Wir haben uns doch immer als Deutsche gefühlt – was sollten wir sonst sein“?
In vielen Stunden Zeitzeugeninterviews mit den Ober-Ramstädter Schülern entsteht eine tiefe Beziehung. Julius Bendorf setzt sich ein für eine bessere Welt nach Auschwitz, er steht den Schülern Rede und Antwort – nicht um anzuklagen, sondern um aufzuklären. Die Erinnerung an die Geschichte der Ober-Ramstädter Juden zeigt wie wichtig es ist den Anfängen der Ausgrenzung zu wehren.
Das ist seine Botschaft.

In den langen Gesprächen mit den Jugendlichen und Bürgern zeigte er, dass er sich als Auschwitzüberlebender vor allem als Botschafter für die Jugend sieht. Hass oder Rache ist ihm fremd. Er ist auch in Amerika in Debatierclubs aktiv und eingeschriebenes Mitglied der Demokratischen Partei Amerikas – er ist aktiv, informiert und politisch interessiert, auch noch mit nun 96 Jahren.
Durch seinen scharfen analytischen Geist und seine Liebenswürdigkeit, ist er nicht nur Vorbild für seine Kinder und Enkel. Er ist auch für viele Schüler, die ihn in Ober-Ramstadt erleben konnten und viel Zeit mit ihm verbrachten ein Vorbild geworden. Besonders viele LGS Schüler der letzten beiden Jahrgänge haben ein intensives Verhältnis zu ihm entwickelt.

Im Sommer 2010 kommt er zur 700 Jahrfeier abermals nach Ober-Ramstadt. Er nimmt an dem Festlichkeiten teil und erfreut sich an der Aufmerksamkeit dem Respekt und der Zuwendung, die man ihm von allen Seiten entgegenbringt. Die Schüler gestalten eine Ausstellung über die NS-Geschichte und besonders über sein Leben, die ihn sehr rührt und die er auch persönlich besucht.

Über Facebook, e-Mail und Briefe kommunizieren Schüler mit Julius Bendorf, seinen Töchtern und Enkeln. Neue Freundschaftsbande über den Trümmern der deutschen Geschichte zwischen den Enkelgenerationen. Er hat seinen Kindern und Enkeln ein neues, positives Bild von Deutschland und den Deutschen vermittelt und Freundschaften gestiftet.
Das alles hat Julius Bendorf geschafft durch seine liebenswürdige, offene und geistreiche Art verzauberte er die Bürger Ober-Ramstadts und vor allem die Schüler. Durch seine Kraft und Willensstärke machte er eine Wiederbegegnung nach so vielen Jahrzehnten möglich – für einen 96 jährigen eine Energieleistung, die er nur aufbrachte, weil er immer auch Ober-Ramstädter geblieben ist – es gibt keinen besseren Botschafter für Ober-Ramstadt als Julius Bendorf

Am 4. Januar 2011 ist er 96 Jahre alt geworden, täglich hält er sich mit Spaziergängen fit.

Ein Botschafter für Toleranz und Humanität im Angesicht des Massenmords, ein letzter Zeitzeuge und ein liebenswerter Mensch – obwohl er allen Grund hätte verbittert zu sein. Trotz all dieser grausamen Erfahrungen ist er immer mit seiner alten Heimat verbunden geblieben obwohl es ihm sicher nicht immer leicht fiel.
Sein Lebensweg hat ihn zurückgeführt an die Städte seiner Jugend wo er Freundschaft und Glück erfahren hat – bis Hass, Ausgrenzung und Terror der NS-Ideologie alles zerstörten.

Harald Höflein©LGS-Ober-Ramstadt