Abraham Wartensleben und Familie

Abraham Wartensleben als Fahnenträger und Schriftführer rechts unter der Fahne mit Schärpe des Vereins. (ca. 1913)

Abraham Wartensleben als Fahnenträger und Schriftführer rechts unter der Fahne mit Schärpe des Vereins. Die Turner versammeln sich vor ihrer ersten Sporthalle in der damals neuen Schießbergschule

Wie ein Ober-Ramstädter Kiddusch Becher nach Maryland in der USA kommt oder:

Fast zu spät zum Fliehen…

Abraham Wartensleben war ein mit Orden geehrter Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs, ein angesehener und allseits beliebter Bürger Ober-Ramstadts.  Nach dem ersten Weltkrieg heiratet er Ida Haas, die bis zu seinem Tod seine Lebensgefährtin bleibt. Bald danach kommt ihre gemeinsame Tochter Ilse zur Welt.

Er war im Gesangsverein aktiv und engagierte sich 27 Jahre lang im TV  Ober-Ramstadt als Schriftführer und Vorstandsmitglied, bevor er – schon vor 1933 wegen antisemitischen Anfeindungen austrat. Er stand der SPD nahe und engagierte sich auch sozial in seinem Umfeld – das geht auch aus Gestapo Akten hervor. Er hatte mit seiner Familie ein kleines Textillädchen in der Baustraße. Zeitzeugen erinnern sich an Abraham immer nur als einen “guten Mensch”, da er vielen in der schweren Zeit der Weltwirtschaftskrise geholfen hat.
In der Reichskristallnacht wird sein Wohn- und Geschäftshaus in der Baustraße von Horden der SA völlig zerstört. Wirtschaftlich ruiniert und enttäuscht steht seine Auswanderung nun allerdings auf der Kippe.
Wo das alles hinführt war Abraham und Ida wohl leider schon bald klar:
Seine Tochter Ilse hatte das Ehepaar nach den immer schlimmeren Ausgrenzungen und Erniedrigungen schon 1937 nach Baltimore zu Verwandten in Sicherheit gebracht.

Der Kiddusch Becher der jüdischen Gemeinde Ober-Ramstadts, der Abraham Wartensleben als letztem Gemeindevorsteher verliehen wurde.

Mit viel Glück kann sich die Familie 1939 doch noch retten. Heute steht in einem kleinen Museum in Baltimore ein goldener Kiddush Becher mit einer großen Delle: Der Becher wurde von SA Männern bei der Zerstörung des Hauses der Familie Wartensleben aus dem Fenster geworfen und knallte aufs Straßenpflaster.

In Amerika schafft es Abraham Wartensleben und seine Frau nicht,  sich wieder eine eigene und dauerhafte wirtschaftliche Existenz aufzubauen. Auch Englisch lernt er nicht mehr richtig.  Engagieren tut er sich aber auch wieder, nämlich in einem Beerdigungsverein, der verarmten jüdischen Gemeindemitgliedern wenigstens eine würdevolle Beerdigung zukommen lassen will. In einem Nachruf des Vereins “Chevrar Ahavas Chesed” würdigt der Verein das verdiente Mitglied.  Abraham stirbt verarmt am 19. August 1949, im Alter von nur 65 Jahren, seine Frau Ida stirbt 1978.

Das Bild ist eine freundliche Leihgabe des “Jewish Museum of Maryland” in Baltimore.