Täter- und Opferwelten in Auschwitz. Gastvortrag von Professor Greif aus Yad-Vashem

Täter in Auschwitz: Morgens brutal, privat gesellig und fröhlich. 

Zwei Fotosammlungen von 1944, die sogenannten Auschwitz-Alben, stellte der Historiker Gideon Greif in Ober-Ramstadt vor. Sie dokumentieren einerseits den Weg der Opfer zur Gaskammer im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, andererseits die Freizeitaktivitäten der Täter.

„Es sind intensive Fotos. Die Aufnahmen zeigen nichts Neues, bestätigen aber, was wir schon wissen“, leitete der in Tel Aviv geborene und in Wien promovierte Historiker Gideon Greif seinen Vortrag vor dreißig Zuhörern ein. Die Bilder des ersten Albums, aufgenommen von Berufsfotografen, zeigen die Ankunft ungarischer Juden im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und ihre letzten Schritte zur Gaskammer. Keine vier Stunden werden bis dahin vergehen. Dass keine Gewalt zu sehen ist, fällt auf. „Die Fotos können als Propagandamaterial benutzt werden und sollen zeigen: Auschwitz ist ein Paradies“, erklärt der Historiker.

Von den Opfern gibt es erniedrigende Fotos

Die Kamera begleitet die Menschenmenge von der 830 Meter langen Rampe bis in den „Warteraum zum Tod“, einem „wie beim Sonntagsausflug“ belebten Wäldchen. Von dem, was dann folgt, gibt es keine Aufnahmen. Manche Fotos sind gestellt, „erniedrigend und in ihrer Absicht infam“, sagt Greif. Ein Porträt zeigt zwei Männer ohne Kopfbedeckung: „Die müssen sie abnehmen, aber so geht kein ungarischer Jude aus dem Haus.“

Greif benutzt kaum die Vergangenheitsform, sondern spricht im Präsens. Es ist, als wolle er die Vorgänge damit näher heranholen. Ein anderes Bild zeigt einen verwachsenen jungen Mann in einem Kinderstühlchen. „Das demonstriert, was Nationalsozialisten über die Juden denken: Sie sind krankhaft und eklig.“

Ganz anders das zweite Album mit privaten Aufnahmen eines SS-Angehörigen von Solahütte, einem 30 Kilometer von Auschwitz gelegenen Erholungsheim für die SS-Bewachung der Konzentrationslager in der Region. „Dort dürfen sich die Aufseher alle zehn Tage erholen“, erläutert Greif in spöttischem Tonfall.

Die mehr als 100 Bilder zeigen Schießübungen, eine Treibjagd, den Besuch hoher SS-Offiziere, die Einweihung eines Lazaretts und lachende, sich in Liegestühlen sonnende Frauen. „Es ist die Welt der Täter: Gesang, Lächeln und gute Laune“, sagt Greif und fügte ironisch hinzu: „In Auschwitz ist das Leben angenehm, man kämpft nicht an der Front.“ Die Frage, die der Historiker in den Raum stellt, bleibt unbeantwortet: „Wie können Menschen so gespalten sein? Morgens brutal im Lager und wenige Stunden später ganz anders.

Professor Greif, Mitarbeiter in Yad Vashem und Autor des Buches, "Wir weinten tränenlos ... Augenzeugenberichte des jüdischen ‘Sonderkommandos’ in Auschwitz". Köln 1995; Neuauflage Frankfurt am Main 1999; ISBN 978-3-596-13914-9; Jerusalem 1999.

Bereits am Vormittag hatte der Historiker vor achtzig Schülern der 12. Jahrgangsstufe der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule über die „Todesmaschinerie Auschwitz“ gesprochen. Die Schule und der Verein „Demokratie gegen das Vergessen“ haben die Vorträge ermöglicht, die vom Verein für Heimatgeschichte, der Stadt Ober-Ramstadt, der evangelischen Kirche und der Volksbank Modau unterstützt wurden.

Artikel von Elke Lipp, DE, Link:

http://www.echo-online.de/region/darmstadt-dieburg/ober-ramstadt/Morgens-brutal-spaeter-ganz-anders;art1295,3905128

 

In Auschwitz wurden folgende Ober-Ramstädter Bürger ermordet:  Manfred Bendorf, Käthe Bendorf, Heinrich Wartenleben I, Thekla Wartensleben. Julius Bendorf überlebte Auschwitz-Monowitz und selbst die Todesmärsche.

LK-Geschichte der GCLS Ober-Ramstadt

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