“Mein Vater hat endlich einen Platz gefunden”

Mahnmal für Menschlichkeit

Trudy Isenberg kommt aus den USA zur Verlegung von Stolpersteinen nach Ober-Ramstadt

Stolpersteine erinnern an Familie Bendorf: Die 91 Jahre alte Trudy Isenberg (Zweite von links) mit Amber Pra, Lena Lautz und Katja Zander (von links). Der Geschichtsleistungskurs der Ober-Ramstädter Lichtenbergschule hält engen Kontakt mit der Holocaustüberlebenden. Foto: Karl-Heinz Bärtl

Stolpersteine erinnern an ihre Eltern Moses und Julie Bendorf: Die 91 Jahre alte Trudy Isenberg (Zweite von links) mit Amber Pra, Lena Lautz und Katja Zander (von links). Der Geschichtsleistungskurs der Ober-Ramstädter Lichtenbergschule hält engen Kontakt mit der Holocaustüberlebenden. Foto: Karl-Heinz Bärtl

Die Tränen von Trudy Isenberg lassen erahnen, wie groß das Leid war und immer noch ist, das ihrer Familie im Nationalsozialismus angetan wurde. Als am Montag für sie und ihre Eltern Julie und Moses Bendorf in der Hammergasse 2 Stolpersteine in den Gehsteig eingelassen werden, kann sie ihre Tränen nicht zurückhalten.
Die Einundneunzigjährige, die am 12. November 1920 als Therese Gertrude Bendorf in Ober-Ramstadt zur Welt kam, ist aus Silver Springs in den USA angereist, um dabei zu sein, als ihr und Angehörigen ihrer jüdischen Familie ein Andenken gesetzt wird. Ihre Tochter Ellen Hoffman und deren Mann Arnold stehen weinend bei ihr. Die betagte Ober-Ramstädterin Christiane Meese, eine Freundin von Trudy Isenberg, steht ihr ebenfalls tröstend zur Seite. Auch unter den anderen Gästen ist die Anteilnahme groß. Vielen geht der Akt der Stolpersteinverlegung so nah, dass sie mitweinen müssen. Trudy Isenberg ist im Januar 1939 von ihren Eltern mit letztem Geld zur Rettung allein in die USA geschickt worden.
Bereits zum zweiten Mal ist der Kölner Künstler Gunter Demnig nach Ober-Ramstadt gekommen, um hier Stolpersteine zum Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus zu verlegen. Vor zwei Jahren hatte er im Beisein des Auschwitzüberlebenden Julius Bendorf, ein Cousin von Trudy Isenberg, zehn Steine verlegt.
An vier Orten fügte Demnig am Montag insgesamt neun Gedenksteine ein: in der Hohlgasse 4 für Käthe, Simon und Willi Bendorf, in der Hammergasse 2 für Julie, Moses und Gertrude Bendorf, in der Grafengasse 3 für Thekla und Joseph Wartensleben sowie in der Grabengasse 3 für Heinrich Wartensleben. An jeder Station trugen Schüler die Biografien vor und untermalten diese mit Musikstücken.
Zuvor war die Verlegung im Scheunensaal der Stadthalle mit Schülern, Eltern, Bürgern und Kommunalpolitikern eröffnet worden. Hier sprachen neben der Stadträtin Ursula Pullmann und dem Schulpfarrer Ernst-Werner Knöß auch Oberstufenschüler, die mit ihrem Geschichtslehrer Harald Höflein die Aktion vorbereitet haben.
Katja Aylin Zander (20) zeigte sich tief berührt von der persönlichen Begegnung mit Trudy Isenberg, mit der die Schüler des Leistungskurses Geschichte seit einem Jahr in Kontakt sind. Christopher Daniels (20) sagte: „Das Geschehene ist zwar nicht gutzumachen, aber wir können die Menschen ehren, uns um ihre Schicksale kümmern und sie auf diese Art in ihre angestammte Nachbarschaft zurückbringen.“
Für den Zwölftklässler seien durch die Aktion Stolpersteine „Häuser, Orte und Menschen lebendiger geworden“. Die Stolpersteine seien ein „Mahnmal für Toleranz, Menschlichkeit und Solidarität und ein Zeichen gegen Ausgrenzung, Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit“, sagte Daniels. Günter Demnig verlegt seit 1995 Gedenksteine, um an Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu erinnern. Inzwischen hat er mehr als 32 000 Stolpersteine verlegt.
Im Anschluss kamen Schüler und Bürger noch einmal im Prälat-Diehl-Haus zusammen, um mit Trudy Isenberg, ihrer Familie und ihren früheren Freundinnen Käthe Ackermann, Emma Sachse und Christiane Meese ins Gespräch zu kommen. Ihr Vater und ihre Mutter seien zurückgekehrt dorthin, wo sie einmal hingehört haben, sagte Trudy Isenberg. Ihr Vater, wahrscheinlich in Trawniki in Polen ermordet, habe damit wieder einen Platz.denn er hatte bis jetzt keinen Grabstein.

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