“Mit dem Kopf und mit dem Herzen stolpern”

Mahnmale: Auschwitzüberlebender kommt mit 95 Jahren zurück in seine Geburtsstadt

OBER-RAMSTADT Das Interesse beim Verlegen der Stolpersteine zum Gedenken an ehemalige jüdische Mitbürger in Ober-Ramstadt war enorm. Mit dabei: Der 95 Jahre alte Auschwitz-Überlebende Julius Bendorf, der die Messingsplatten für seine von den Nazis ermordeten Familienmitglieder setzen durfte .

Er hat das Grauen überlebt: Julius Bendorf (rechts) wurde in Ober-Ramstadt geboren und 1943 deportiert. Seine Familie wurde von den Nazis getötet. Als Erinnerung an ihn und andere jüdische Ober-Ramstädter verlegt Gunter Demnig (links) sogenannte Stolpersteine. Der 95 Jahre alte Bendorf kam aus den USA zurück in seine Geburtsstadt. Foto: Karl-Heinz Bärtl

Das Interesse beim Verlegen der Stolpersteine zum Gedenken an ehemalige jüdische Mitbürger am Samstag in Ober-Ramstadt war enorm.

70 Sitzplätze in der Scheunengalerie bei der Auftaktveranstaltung waren im Nu besetzt, mindestens noch einmal doppelt so viele Menschen standen bis ins Foyer der Stadthalle. Der Andrang galt sicher auch der Anwesenheit von Julius Bendorf (95). Der 1915 in Ober-Ramstadt geborene einzige Überlebende seiner Familie war mit zwei Töchtern, Schwiegersohn und vier Enkelsöhnen extra aus den USA gekommen.

Wie sich herausstellte, ist Bendorf ein Mensch mit viel Sinn für Humor. ,,Dass wir in den letzten zwei Tagen schon oft miteinander gelacht haben, zeigt, dass Wunden überbrückt werden können”, sagte Bürgermeister Werner Schuchmann, dankte den Ober-Ramstädtern für ihre Anteilnahme an der Aktion und besonders den Oberstufenschülern der Lichtenbergschule, die diese mit ihrem Lehrer Harald Höflein angestoßen und die Kontakte zu Bendorf und dem Kölner Künstler Gunter Demnig hergestellt hatten.

Demnig hat bislang in Deutschland und dem europäischen Ausland mehr als 23 000 Stolpersteine verlegt. Über die in den Gehsteig vor dem letzten frei gewählten Wohnsitz der jüdischen Bürger eingelassenen Gedenksteine mit den in Messing eingravierten Namen solle man mit dem Kopf und dem Herzen stolpern, sagte er. ,,Dahinter steht die Idee, die Erinnerung blank zu polieren.” Und weiter: Wer die Namen auf dem Boden lesen wolle, müsse zwangsläufig eine Verbeugung machen. Pfarrer Ernst-Werner Knöß von der evangelischen Kirche nannte die Steine ,,ein sichtbares Zeichen, dass wir angefangen haben umzudenken und Position beziehen müssen gegenüber unserem Versagen und unserer Schuld”. Lehrer Höflein berichtete, wie den Schülern bei der Beschäftigung mit dem Holocaust die Familien und Häuser der jüdischen Ober-Ramstädter auf schmerzhafte Art näher gekommen seien und wie sehr sie den Mut Bendorfs bewunderten, wieder hierher zu kommen.

,,Jetzt haben wir Sie persönlich kennengelernt und erleben, wie lustig und liebenswert Sie sind. Das ist ein Glücksfall für mich als Lehrer”, wandte er sich an den Gast. Tatsächlich zeigte sich der Auschwitzüberlebende beim anschließenden Gang durch die Stadt gegenüber allen, die ihn ansprachen, völlig unvoreingenommen und aufgeschlossen.

Lächelnd hielt er den Stolperstein mit seinem Namen in die Höhe, den der Künstler dann im Bürgersteig der Darmstädter Straße 22 einzementierte – neben denen mit den Namen von Bendorfs Großmutter Jettchen, seiner Eltern Joseph und Dina und seines Bruders Manfred, die ermordet wurden. ,,Ich danke allen, die gekommen sind”, sagte er zu den Umstehenden auf Deutsch und dann auf Englisch: Eigentlich habe er gedacht, Ober-Ramstadt nie wieder zu sehen. Wobei er Ober-Ramstadt wie ein echter Ober-Ramstädter aussprach: ,,Owweramscht.”

Dem Künstler erteilte Bendorf ein scherzhaftes Extralob: ,,Sie sind ein guter Pflasterer.”

Weiter ging es zur Darmstädter Straße 34, wo künftig Steine an Wolf und Jettchen Wartensleben erinnern, in die Baustraße 6, wo Demnig die Stolpersteine für Abraham und Ida Wartensleben und deren Tochter Ilse verlegte.

An allen drei Stellen gingen Lichtenberg-Schüler auf die Schicksale der Familien ein und begleiteten die Kurzbiografien, wie schon zuvor die Reden in der Scheunengalerie, mit kleinen Musikstücken.

Als der freundliche alte Mann dann mit seinen Töchtern und Enkeln zum Abschluss auf Hebräisch das Kaddisch, das jüdische Gebet für die Toten las, war dies für alle Zuhörer ein ergreifender Moment. Am heutigen Montag geht Bendorf in die Lichtenberg-Gesamtschule, erzählt aus seinem Leben und stellt sich den Fragen der Schüler.

Darmstädter Echo, Montag, den 15.03.2010

Kommentieren